SGES: Areale nachhaltig entwickeln

Seit 2013 ist das SGES Swiss Green Economy Symposium der umfassendste Wirtschaftsgipfel der Schweiz zum Thema Nachhaltigkeit. Am 1. September 2020 stand er im Zeichen von „Mit Dialog und Eigensinn zur Nachhaltigkeit“ und dem Aufzeigen von Wegen aus der Krise.

Wir geben einen kurzen Rückblick mit Blick auf Architektur, Bau und Immobilien.

Susanne Blank, Leiterin Ökonomie und Innovation beim BAFU/Bundesamt für Umwelt, zeigte schon als eine der ersten Rednerinnen auf, wo für die Schweiz eine der wichtigsten Stellschrauben für Nachhaltigkeit zu finden ist: beim Wohnen. Mehr als 60% der Umweltbelastung verursacht die Schweiz durch die Bereiche Ernährung (28%), Wohnen (24%) und Mobilität (12%). Sie betonte dabei vor allem die Wichtigkeit, Stoffe im Kreislauf zu behalten. Dies gilt insbesondere auch für die Bauwirtschaft und verlangt eine Planung unter Einbindung aller Akteure und die Verwendung von Materialien, die auch wieder rückgebaut werden können. So sind auch im EU-Aktionsplan Kreislaufwirtschaft die Vermeidung und Reduktion von Abfällen und die Schaffung von Märkten für Sekundärrohstoffe wichtige Pfeiler.


Dies führt uns zu Anita Eckardt, Head Division Specialties & Chair Sustainability Committee von Implenia, die im Teil «Nachhaltige Wege aus der Krise» ein überzeugendes Plädoyer für den Holzbau hielt. Vor den Augen von Nick Traber, CEO von Holcim, mit einem entschuldigenden Augenzwinkern.

Dies aber nicht nur in Bezug auf die grundsätzlichen ökologischen Vorteile von Holz gegenüber Beton, sondern auch aufgrund der viel längeren Geschichte von digitaler Planung und Vorfertigung im Holzbau:

Eckardt betonte, dass Fehler und Abfälle umso besser reduziert werden können, je mehr Budget eines Bauprojekts vor Baubeginn ausgegeben wird. Unabhängig davon, mit welchem Baustoff gebaut wird.

Areale ökologisch, ökonomisch und sozial optimieren

Am Nachmittag stand das Innovationsforum zum Thema „Areale in die Zukunft führen – vielseitige Transformation“ auf dem Programm. Es beleuchtete die nachhaltige Entwicklung von Immobilien aus Sicht von Umweltwirkungen des Wohnens, integralen Energielösungen, der Bausubstanz als Lieferant von Rohstoffen sowie eines neuen Finanzierungsvorschlags von swisscleantech, um die Sanierungsquote zu erhöhen.

Prämisse des Innovationsforums (Innovationsforen sind jeweils am Nachmittag Programm des SGES mit verschiedenen Schwerpunkten – Anmerkung der Redaktion) war die folgende: Über 40% des Schweizer Energieverbrauchs und rund 25% der Schweizer Treibhausgasemissionen sind auf den Gebäudepark zurückzuführen. Zudem sind Bauten bedeutende Rohstofflager. Um die Netto-Null-Ziele bis ins Jahr 2050 zu erreichen ist eine vielfältige Entwicklung des Gebäudeparks wesentlich. Die Optimierung von Energie- und Emissionsperformance ist bei weitem keine rein technische Aufgabe. Sie verlangt vielmehr eine integrale Herangehensweise.


Martin Vinzens vom Bundesamt für Raumentwicklung/ARE verwies in seiner Einleitung auf die Revision des Raumplanungsgesetzes (RPG) aus dem Jahr 2013, die vom Schweizer Stimmvolk mit 62,9% angenommen wurde, als Basis der aktuellen Raumplanung und den haushälterischen und damit nachhaltigen Umgang mit der Ressource Boden. Ziele des neuen RPB waren die Entwicklung nach innen, Siedlungsbeschränkung und Verdichtung.


Christian Schmid von intep wagte einen Blick ins Jahr 2045: In der Studie „Wohnen mit geringer Umweltwirkung“ im Auftrag des Bundesamtes für Umwelt BAFU zeigt intep auf, wie umweltverträgliches Wohnen künftig erreicht werden soll. intep geht nicht davon aus, dass sich die Zusammensetzung der Privathaushalte bis dahin gross verändern wird, es zeigt sich aber, dass bis 2045 aufgrund des Bevölkerungswachstums fast 800‘000 mehr Haushalte bzw. Wohneinheiten benötigt werden. Einpersonen-Haushalte sollen von heute 36% mit 38% einen leicht höheren Anteil ausweisen, Paare ohne Kinder ebenfalls (von 27% auf 29%) – die Nutzung von Paaren mit Kindern soll von 28% auf 26% hingegen leicht abnehmen. Was sich deutlich auf das Wohnen in der Zukunft auswirken wird, ist die Anzahl Personen über 80 Jahre: Von heute 420‘000 auf über eine Million. Das sind 10.4% Anteil an der Gesamtbevölkerung im Vergleich zu 5% im Jahr 2015.

Als grundsätzliche Trends sieht intep bis im Jahr 2045 folgende:

  • Demographische Entwicklung: Die Schweizer Bevölkerung wird auf über 10 Millionen Einwohner und die Anzahl der Privathaushalte auf etwa 4.6 Millionen ansteigen.
  • Individualisierung: Die Lebensform des Wohnens alleine wird in allen Bevölkerungsgruppen akzeptiert.
  • Digitalisierung: Digitale und technische Infrastrukturen und Geräte werden im Wohnalltag viel präsenter sein als heute.
  • Klimaänderung: Höhere Sommer- und Spitzentemperaturen, längere Trockenzeiten und höhere Anzahl heisser Tage, werden vor allem in Städten und Agglomerationen zu einer zunehmenden Hitzebelastung führen. Der sommerliche Wärmeschutz wird bei Wohngebäuden eine zentralere Rolle einnehmen, während der winterliche Kälteschutz an Relevanz abnimmt.

Das System „Wohnen“ zeigt auf, welche Akteure wie Einfluss auf mehr Nachhaltigkeit beim Wohnen nehmen können:


Um eine geringe Umweltwirkung erzielen zu können, sind dies die wichtigsten Massnahmen:

  • Die Erstellung von Gebäuden erfolgt nachhaltig, insbesondere unter Verwendung von energie- und ressourceneffizienten Baumaterialien.
  • Energie wird ausschliesslich aus erneuerbaren Energiequellen bezogen.
  • Low-Tech-Lösungen werden frühzeitig in die Planung einbezogen. Mit Low-Tech wird ein Gebäudekonzept verbunden, das eine hohe Energie- und Ressourceneffizienz unter Verwendung einfacher, langlebiger und gut wart- und sanierbarer baulicher Komponenten anstrebt.
  • Die Umweltwirkung von Altbauten wird mittels Sanierungen minimiert.
  • Es wird flexibler, modular gestaltbarer Wohnraum mit geringem Flächenverbrauch und gemeinschaftlich genutzten Flächen und Infrastrukturen angeboten.
  • Das Angebot an verdichtetem, gemeinschaftlichem und generationenübergreifendem Wohnen wird erweitert und vergrössert.
  • Das gemeinsame Nutzen von Flächen und Gegenständen wird durch geeignete Infrastruktur und einer Stadt der kurzen Wege in den Wohnalltag eingebunden.
  • Der Umgang mit und das Nutzen von Geräten sind ebenso energie- und ressourcenschonend wie deren Herstellung.

Romeo Deplazes, Stv. CEO von Energie 360°, betonte aus der Sicht von Energielösungen die Bedeutung der Kollaboration. Integrale Energie- und Mobilitätslösungen sind nicht nur technische Herausforderung sondern basieren auf Technik, Daten und vor allem Menschen und Partnern im Projekt. Transformation braucht Zeit, gute Beziehungen und eine vertrauensvolle Zusammenarbeit.


Patric Van der Haegen, Bereichsleiter Entwicklung der Eberhard Unternehmungen, hatte die Bausubstanz im Fokus und zeigte auch, dass Bauabfälle der grösste Abfallstrom der Schweiz sind: 7.5 Millionen Tonnen Bauabfällen pro Jahr stehen 3 Mio. Tonnen Siedlungsabfällen gegenüber. 90% der Bauabfälle werden heute downcycled oder deponiert – und damit ein riesiges Potential vergeben. Wirtschaftlich und ökologisch.

Van der Haegen bemängelte zugleich, wie wenig hilfreich Baulabels aktuell seien, um die Nachhaltigkeit eines Gebäudes beurteilen zu können. Die Tragstruktur, der Rückbau und die Recyclierbarkeit wird in Baulabels kaum genügend berücksichtigt und die Umweltbelastung eines Gebäudes nicht adäquat wiedergegeben.

Er leitete damit über zum Zirkulären Bauen und betonte die Bedeutung von Rückbau, Wiederverwert- und Recyclierbarkeit von Baustoffen:


An Fabian Etter, Co-Präsident von swisscleantech, lag es zum Abschluss, finanzielle Anreize für die nach wie vor zu tiefe Sanierungsquote der Schweiz aufzuzeigen. „Gebäude-Klimapolitik: Warum es neue Ansätze braucht, um die Sanierungsquote zu erhöhen“, war der Titel.

In der Schweiz gibt es knapp 1.5 Millionen Gebäude – vor allem vor dem Jahr 2000 gebaute – die bezüglich Wärme energetisch dringend saniert werden müssen. Ein CO2-neutraler Gebäudepark ist ein wichtiger Pfeiler für die Umsetzung des Pariser Abkommens, deshalb besteht Interesse von verschiedenen Seiten, die Sanierungsquote deutlich zu erhöhen.

swisscleantech schlägt dazu einen Klimafonds vor, der Anreize schafft, energetische Sanierungen vor allem für private Immobilienbesitzer (90% der Wohn-Immobilien der Schweiz werden von Privaten gehalten) langfristig zu finanzieren, die Bündelung von Risiken zu ermöglichen und Bauteile über Lebenszyklen abzuschreiben. Der Bund schafft dazu die rechtlichen Rahmenbedingungen und zahlt einen Teil des Fondskapitals, Banken und Pensionskassen tragen ebenfalls einen Teil zum Fondskapital bei. Private erhalten dadurch eine langfristige Finanzierungsmöglichkeit und auch Gewerbe und Industrie profitieren von einer höheren nachhaltigen Erneuerungsquote von Heizungen und Energiesystemen.

Raphael Imhof
https://c-hochzwei.com/raphael-imhof/
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