ESG-Kriterien für Investments: von passiv bis aktiv

Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie ich vor über 20 Jahren für eine NGO nachhaltige Labels für Lebensmittel analysierte und klassifizierte. Vor lauter ungleicher Bäumen habe ich den FSC-Wald kaum mehr gesehen. Zu wenig Standards, Transparenz, Vertrauen, Benchmarks, Daten – zu viel Greenwashing und Unsicherheit. Wenn ich mir heute Labels für ESG-Anlagen oder die Zertifizierung von nachhaltigen Gebäuden anschaue, habe ich ein Déjà-vu. Ist bei Gebäuden nun die graue Energie für die Erstellung drin, wird ein Circular-Ansatz angestrebt oder ist es «nur» der Betrieb des Gebäudes, bei dem es 80 Prozent der Kosten einer Immobilie zu optimieren gilt? Oder ist es ein Ansatz, der sich stark auf das Management von Portfolios fokussiert.

Der Einfluss der Banken und des Kapitalmarktes – und der lange Weg

«2019 gab es 848 klimabedingte Naturkatastrophen, 50 % mehr als noch vor zehn Jahren. Dies stellt eine gewaltige Herausforderung für Bürger und Regierungen, aber auch für Banken und andere Finanzinstitute dar. Aufgrund extremer Wetterverhältnisse hat sich die Debatte über den Klimawandel verlagert: Anstatt theoretische Aspekte zu diskutieren, werden nun dringend praktische Lösungen gesucht. Auf dem Weltwirtschaftsforum (WEF) im Januar 2020 trafen sich einige der weltweit wichtigsten Entscheidungsträger. Dabei stuften sie extreme Wetterereignisse, das Versagen im Kampf gegen den Klimawandel, Naturkatastrophen, den Verlust der Biodiversität und vom Menschen ausgelöste Umweltkatastrophen als die fünf Risiken ein, mit denen sich Regierungen, Gesellschaft, Industrie – als auch die Finanzbranche – in absehbarer Zukunft mit hoher Wahrscheinlichkeit auseinandersetzen müssen.» schreibt das Beratungsunternehmen zeb über die Bedeutung von Umweltrisiken auch für die Finanzbranche.

Selbst Blackrock, der weltweit grösste Vermögensverwalter will grün werden, auch wenn er sich bisher nicht gerade als grüner Vorreiter hervorgetan hat. Nomen est omen, in diesem Fall. «Die Nichtregierungsorganisation Urgewald hat analysiert, wie nachhaltig die Anlagestrategie, die Blackrock Anfang 2020 angekündigt hat, aus ihrer Sicht ist. Sie wirft dem Konzern «Greenwashing» vor. Dass Blackrock sich aus Unternehmen zurückziehen will, die mehr als 25 Prozent ihres Umsatzes aus der Kohle-Erzeugung gewinnen, sei zwar theoretisch ein guter Ansatz, aber die unternehmensinterne Richtlinie habe eben bislang nur 17 Prozent der globalen Kohleindustrie ausgeschlossen (Stand Februar 2021). Blackrocks Nachhaltigkeitsrichtlinien beziehen sich zudem nur auf die aktiv gemanagten Vermögen – also Fonds, bei denen Manager selbst auswählen, in welche Wertpapiere investiert wird. Für sogenannte passiv gemanagte Vermögen – also beispielsweise Fonds, die die Unternehmensstruktur von Aktienindizes nachbilden, gelten die Nachhaltigkeitskriterien also nicht. Nur ein Drittel der Gelder, die Blackrock verwaltet, sind aktiv gemanagt.»

Der Einfluss der Finanzbranche auf den Umbau in Richtung Netto-Null 2050 ist immens. Doch was heisst das? Letzte Woche fand in St. Gallen die erste Ausgabe des Finance Forum St. Gallen statt. Thomas Stucki, Chief Investment Officer der St. Galler Kantonalbank und ehemaliger Leiter Asset Management der Schweizerischen Nationalbank, schätzte den Einfluss der Finanzbranche auf diese Transition auf 30 Prozent ein. Oder ist er höher? John E. Morton, ehemaliger Direktor für Energie und Klimawandel unter Barack Obama, heute forscht er zur Mobilisierung privaten Kapitals für den globalen Klimaschutz, sagt es bedeutsam, ohne eine Zahl zu nennen: «Der Finanzsektor spielt die wohl zentralste Rolle darin, den Klimawandel zu bekämpfen. Das Finanzsystem steckt hinter allem: was finanziert werden soll, was nicht finanziert werden soll – und wie schnell das alles passiert.»

Von Aussschlusslisten zu einem normativ-gestalterischen Ansatz

Obwohl Labels und Bewertungssysteme für Anleger immens wichtig wären, passiert aktuell folgendes auf den Märkten: «Der Begriff «ESG-integriert» verschwindet zunehmend aus Dokumentationen. Damit reagiert die Asset Management-Branche auf europäisches Regelwerk gegen Greenwashing. Die Aufsichten in den USA und Europa hatten zuletzt den allzu leichtfertigen Umgang mit dem Prädikats-Label gerügt. Einige der grössten europäischen Fondsmanager beginnen informierten Kreisen zufolge damit, ein einst allgegenwärtiges ESG-Label aus ihren Produktbeschreibungen zu streichen, wie Bloomberg News in Erfahrung bringen konnte. Dahinter steht die Befürchtung, dass Aufsichtsbehörden vage Beschreibungen von nachhaltigen Investments nicht länger tolerieren.» fasst institutional-money.com die Auswirkungen von Greenwashing zusammen.

Am Finance Forum St. Gallen, welches unter dem Motto «Mut zur Zukunft: Anlegen & Investieren 2025» stand, zeigten sich deutlich die beiden Arten, wie sich Anleger:innen nachhaltigen Investments annähern können: Mit Ausschlusslisten, auf die sich zum Beispiel die SGKB mehrheitlich bei ihren Entscheidungen abstützt, oder dem gestalterisch-analytischen Ansatz, wo man sich quasi die ESG-Nadeln im vermeintlich grünen Heuhaufen sucht. Die Globalance Bank hat diesen Ansatz gewählt.

Die SGKB schliesst bei ihren nachhaltigen Investments viele Firmen basierend auf den MSCI World Indices (Morgan Stanley Capital International World Index) aus. Der MSCI World Index umfasst 1’555 Aktien, der MSCI World ESG noch 720 Aktien und der MSCI World SRI mit noch strengeren Kriterien nur noch 371 Aktien.

Die Globalance Bank sucht gemäss Peter Zollinger, Leiter Impact Research, aktiv nach Firmen, die ein nachhaltiges Geschäftsmodell verfolgen und damit eine Zukunft haben: Als Unternehmen und auch als lukratives Investment.

In folgendem Kontext:

Dieser Ansatz, nochmals mit den Worten von John E. Morton, zusammengefasst: «Man investiert nicht in den Markt, wie er ist, sondern in den Markt, wie er sein sollte. Es ist das genaue Gegenstück zu dem, was wir heute haben. Ein Markt, der auf Autopilot läuft, führt dazu, dass Vermögenswerte, die keine Zukunft haben, überbewertet sind. Die Menge an Kapital, die über Indizes in umweltschädliche Unternehmen fliesst, bleibt hoch.»

Ein wichtiger Punkt bezüglich Bewertungen: «Eine Schwierigkeit bei dieser Aufgabe ist natürlich die Datenlage. Wir alle reden über den Klimawandel. Wir reden auch über andere Nachhaltigkeitsrisiken wie zum Beispiel die Risiken im sozial-gesellschaftlichen Bereich. Aber diese dann zu quantifizieren und wirklich auch in eine Bewertung eines Unternehmens einfliessen zu lassen, ist nicht ganz einfach», sagt der Vorstandsvorsitzende von Blackrock in Deutschland, Dirk Schmitz. Recht hat er wohl, weshalb aber ist hier Blackrock als weltweit führendes Unternehmen nicht aktiver, wenn es ihnen so wichtig ist – anstatt die Verantwortung von sich zu weisen?

Noch eine wichtige Frage zum Abschluss: Wie können wir garantieren, dass aus nachhaltiger Sicht richtig kanalisierte Finanzströme auch am richtigen Ort ankommen? «Hier beginnen wir gerade, Wirkungskanäle anzugucken: Also, wie kann ich, indem ich Geld investiere, dafür sorgen, dass in der wirklichen Welt eine Investition geschieht, die unsere Erde ein bisschen schöner macht?» gibt Christian Klein, Professor für nachhaltige Finanzwirtschaft an der Universität Kassel, zu bedenken.

Und als Rück- und Ausblick, die Einschätzung von Christian Nolting, Chief Investment Officer (CIO) der Deutschen Bank, wie sich Schocks für die Wirtschaft in den vergangenen Jahren verändert haben. Nolting sprach ebenfalls am Finance Forum St. Gallen und zeigte, welche Bedeutung ökologische Schocks für die Gesamtwirtschaft und damit auch für die Finanzbranche inzwischen haben – als Risiken und auch als gestaltbare Chancen:

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